Der Bericht über Abraham beginnt in 1. Mose 11,26 mit der Auflistung seines Stammbaumes seit Sem und erstreckt sich bis 1. Mose 25,11, wo ihn seine Söhne Isaak und Ismael in der Höhle Machpela begraben. Die außergewöhnliche Länge seiner Geschichte spiegelt die große Bedeutung dieses Mannes wider, der auch im Neuen Testament an einigen Stellen als Vater derer erwähnt wird, die im Glauben gehorsam sind (Röm 4; Gal 3,6-14; Hebr 11,8-19; Jak 2,21-24).

Der Name des Erzvaters lautet ursprünglich Abram und wird von Gott in Abraham verwandelt (1. Mo 17,5). Beide Namen entsprechen in der Bedeutung der Grundform abiram, (Mein) Vater ist erhaben, wobei mit Vater Gott gemeint sein kann. In 1Mo 17,5 wird Abraham als Vater einer Menge (im Hebräischen ab-hamon gedeutet. Der Name ist im 2. Jt. v.Chr. im Alten Orient belegt.

Nach den Zeitangaben der Erzvätergeschichten liegen 290 Jahre zwischen der Geburt Abrahams und Jakobs Zug nach Ägypten (1. Mo 21,5; 25,26; 47,9), wo Israel 430 Jahre lebte (2. Mo 12,40). Über konkrete Zeitgenossen Abrahams erfahren wir aus der Bibel keine Namen, die wir mit Personen verbinden könnten, die wir sonst aus der Geschichte kennen. Die archäologischen Funde der letzten Jahrzehnte (besonders die Texte aus Mari und Nuzi) haben jedoch einige Kenntnis der Lebensweise, der Rechtsbräuche, Sitten und religiösen Vorstellungen der Umwelt der Patriarchen erbracht. Eine genauere Datierung der Patriarchenzeit überhaupt und erst recht der Zeit Abrahams ist jedoch nicht möglich. Der grobe Rahmen ist die erste Hälfte des 2. Jahrhundert v.Chr., Abraham wird etwa in der Spanne von 2000 bis 1850 v.Chr. gelebt haben.

Abraham ist der Sohn Terachs, ein Abkömmling aus dem Geschlecht Sems. Von seinen Brüdern Nahor und Haran stirbt der letzte, Lots Vater, noch zu Lebzeiten Terachs in Ur (1. Mo 11,27.28). Abrahams Frau Sarai, mit der er keine Kinder hat
(V. 29.30), ist seine Halbschwester (1. Mo 20,12). Terach zieht mit Abraham, Sarai und Lot aus Ur fort, um nach Kanaan zu gehen. Auf dem Weg den Euphrat aufwärts bleiben sie zunächst in Haran, wo viele Karawanenstraßen zusammenlaufen.

In Haran spricht Gott zu Abraham und schickt ihn im Alter von 75 Jahren weiter, dem ursprünglichen Ziel Kanaan entgegen (1. Mo 12,4). Laut Stephanus in Apostelgeschichte 7,4 ist zu der Zeit Terach bereits gestorben. Abraham zieht aus Haran
fort, weil er Gottes Ruf gehorcht (1. Mo 12,1-3), der schon in Ur an ihn ergangen war (vgl. 1. Mo 15,7; Neh 9,7 und Apg 7,2). Neben der Berufung gibt Gott Abraham eine dreifache Verheißung: eine Gebietszuweisung, eine großeNachkommenschaft und einen Segen, der allen Geschlechtern der Erde zuteil werden soll (1. Mo 12,3).

Wahrscheinlich zieht Abraham von Haran über Damaskus, wo in 1. Mose 15,2 von seinem Knecht Eliëser berichtet wird, auf dem üblichen Reiseweg von Mesopotamien nach Kanaan. Außer Terach begleiteten ihn alle, die von Ur ausgezogen waren; auch das spricht dafür, dass sein Vater Terach bereits in Haran gestorben war. Auch in Kanaan nimmt Abraham keinen festen Wohnsitz. Er lagert in Sichem (1Mo 12,6), wo der Herr Abrahams Nachkommen das Land Kanaan verheißt (V. 7). Danach begibt er sich in die Gegend zwischen Bethel und Ai und von dort ins Südland, wo ihn eine Hungersnot nach Ägypten treibt. Dort gibt er aus Furcht dem Pharao gegenüber Sarai als seine Schwester aus (V. 10-20). Er kehrt ins Südland zurück und wandert wieder bis nach Bethel (1. Mo 13,1.3). Weil das Land nicht alle ernähren kann, trennt sich Abraham von Lot, der sich für das fruchtbare Jordantal entscheidet (V. 5-12). Gott verheißt dem Abraham das ganze Land erneut als Besitz seiner Nachkommen (V. 15-17), und Abraham lässt sich in Mamre bei Hebron nieder (V. 18).

Hier schließt Abraham ein Bündnis mit den Amoritern, die in der Gegend wohnen (1. Mo 14,13). Als Lot bei dem Zug der vier Könige aus dem Osten in Gefangenschaft gerät, befreit er ihn. Der heimkehrende Sieger wird von Melchisedek
gesegnet, und Abraham gibt ihm den Zehnten von seiner Beute (Kap. 14).

Gott verspricht Abraham einen Erben und eine so zahlreiche Nachkommenschaft, wie Sterne am Himmel stehen. Dass Abraham dieser Verheißung glaubt, rechnet ihm Gott zur Gerechtigkeit an (V. 5f). Die Zusage des Landes wird durch einen feierlichen Vertragsschluss zwischen Gott und Abraham bestätigt (V. 7-21). Abraham versucht, die Verheißung des Erben zur Erfüllung zu bringen und zeugt auf Sarais Rat einen Sohn mit Sarais Magd Hagar. Nach der damaligen Rechtsauffassung (bekannt durch Texte aus Ur und Nuzi) galt dieser dann als Sohn ihrer Herrin (1. Mo 16,2). Als Abraham 86 Jahre alt ist, wird ihm auf diese Weise Ismael geboren (1. Mo 16,15.16). 13 Jahre später (1. Mo 17-18) wiederholt der Herr seine Verheißung: nicht Ismael, sondern Isaak, der Sohn Sarais, die von nun an Sara (Fürstin) heißen soll, wird Abrahams Erbe sein (V. 15f). Dabei empfängt Abraham das Bundeszeichen der Beschneidung, und Gott verwandelt seinen Namen Abram in Abraham. Sodom und Gomorra verfallen ihrer Sünden wegen der Zerstörung, auf Abrahams Fürbitte hin aber wird Lot gerettet (Kap. 18f).

Abraham bricht ins Südland auf. In Gerar gibt er König Abimelech gegenüber Sara wieder als seine Schwester aus (Kap. 20). Menschenfurcht und Schwachheit gewinnen noch einmal wie in Ägypten Macht über Abraham. Dann wird
dem Hundertjährigen der Sohn Isaak geboren. Auf Saras Bitte und Gottes Befehl hin schickt Abraham Hagar und Ismael fort. Doch weil Ismael auch ein Nachkomme von Abraham ist, verheißt Gott ihm ebenfalls eine große Nation (1. Mo 21,1-21). In Beerscheba (Schwurbrunnen) schließt Abraham ein Bündnis mit Abimelech von Gerar (V. 22-32) und bleibt noch lange Zeit in der Gegend (V. 33.34). Hier fordert ihn Gott auf, mit Isaak auf einen Berg zu steigen und ihn dort auf einem Brandaltar zu opfern. Abraham gehorcht im Vertrauen darauf, dass Gott ihn von den Toten zurückgeben werde (Hebr 11,17-19). Im letzten Augenblick, als Abraham seinen Sohn schon auf den Altar gebunden hat, schickt Gott einen Widder, den Abraham anstelle seines Sohnes opfert. Weil Abraham so sehr vertraut, bestätigt Gott durch einen Engel endgültig alle Verheißungen an Abraham, der wieder nach Beerscheba zurückkehrt (1. Mo 22).

Als Sara 127-jährig in Hebron stirbt, kauft Abraham von dem Hetiter Efron die Höhle Machpela und begräbt sie dort (Kap. 23). Der Text wirkt wie ein Auszug aus dem Kaufvertrag, was nach hetitischen Funden tatsächlich der Fall sein könnte. Der Preis von 400 Lot (laut revidierter Elberfelder Bibel Schekel) Silber ist beträchtlich. Dieses Grundstück ist der einzige Boden, den Abraham als Eigentum erwirbt. Zugleich ist es der erste Grundbesitz im verheißenen Land.

Nach Saras Tod – Abraham ist schon 140 Jahre alt – schickt er seinen Knecht Eliëser von Damaskus nach Mesopotamien, um aus seiner Verwandtschaft eine Frau für Isaak zu holen. Damit will er vermeiden, dass sein Sohn eine heidnische Kanaaniterin heiratet. Eliëser findet in der Stadt Nahors (1. Mo 24,10), die in der Nähe Harans liegt, Rebekka, die Tochter von Betuël, und bringt sie mit. Danach nimmt Abraham Ketura zur Frau, mit der er noch 6 Söhne hat (1. Mo 25,1.2). Alle seine Nebenfrauen schickt er aber noch zu seinen Lebzeiten fort (V. 6). Im Alter von 175 Jahren stirbt er, und Isaak und Ismael begraben ihn neben Sara in der Höhle Machpela (V. 7.9).

Abraham ist offensichtlich ein reicher Mann: reich an Groß- und Kleinvieh und dem dazu nötigen Gesinde (1. Mo 24,35). Bei seinem Auszug aus Haran wird von Leuten berichtet, die er dort erworben hatte (1. Mo 12,5). Später hören wir von Sklaven, die er geschenkt erhielt (1Mo 12,16; 20,14), die er kaufte oder die ihm geboren wurden (1. Mo 17,23.27); aus ihrer Zahl stehen ihm 318 erprobte Männer im Kampf gegen die vier Könige zur Verfügung (1. Mo 14,14). Die Führer der Hetiter behandeln ihn als »Fürst Gottes« (1Mo 23,6), Amoriter und Philister schließen Bündnisse mit ihm ab (1. Mo 14,13; 21,22-32). Bei dieser Herkunft und seinem Reichtum wäre es denkbar, dass sich unter Abrahams Knechten auch Schreiber befanden, die Ereignisse notierten. Zudem bezeugen Funde die Verbreitung des Schreibens in Ur zu Lebzeiten Abrahams. Somit wäre es denkbar, dass schriftliche Zeugnisse aus seinem Umfeld erhalten geblieben sind, die bei der Entstehung des ersten Mosebuches eine Rolle gespielt haben könnten.

Abrahams Bedeutung liegt in seiner Erwählung durch den Herrn zum Stammvater Israels (1. Mo 12,2; 17,4-8; Jes 51,2), des Volkes Gottes unter den Völkern. Nach dem Stammbaum in Mt 1,1 ist auch Jesus ein direkter Nachkomme von Abraham, doch gleichzeitig war Jesus schon vor Abraham (Joh 8,58). Auch die zu Christus gehören, sind Abrahams Nachkommen und damit seine Erben (Gal 3,29). Auf seine Erwählung antwortet Abraham durch Gehorsam (1. Mo 12,4) und Glauben (1. Mo 15,6; Hebr 11,8) und wird damit zum Vorbild aller Glaubenden und zum Beleg dafür, dass die Gerechtigkeit aus dem Glauben kommt, wie im Neuen Testament immer wieder belegt ist. Dabei wird er in ungewöhnlicher Weise auf die Probe gestellt und wird so zum Freund Gottes (Jes 41,8; Jak 2,23) und zum Vater derer,die im Glauben gehorsam sind (Röm 4; Gal 3,6-14; Hebr 11,8-19; Jak 2,21-24).