In der Kampfbahn des Glaubens
Ein Weckruf zu neuem Leben nach Hebräer 12
ERICH SAUER„Lasset uns aufsehen auf Jesus“ Hebräer 12,1.2
Zur Einführung
Gottes Volk hat Gottes Ruf vernommen. Nur dadurch ist es Volk Gottes geworden. Denn der Glaube kommt aus der Predigt (Röm 10, 17).
Damit hat Gottes Wunderwerk an Seiner Gemeinde begonnen. Wir können nicht hoch genug von den Erlösten des Herrn denken und reden. Sie sind Errettete und Versöhnte, Befreite und Gesegnete (Kol 1, 14[1]; Eph 1, 3[2]). Sie sind Auserwählte Gottes, Heilige und Geliebte (Kol 3, 12). Sie sind Gefäße Seiner Gnade, Söhne des großen Vaters, Königskinder und Himmelsbürger. Bei aller Unvollkommenheit und Schwachheit im Einzelnen dürfen wir zuversichtlichen Glauben haben an das Werk des Heiligen Geistes in den Seinen. Wir dürfen Christi Bild in Seinen Nachfolgern, ja, Christus Selbst im Bruder sehen und uns in Ihm von Herzen übereinander freuen.
Ps 16,3: <Du hast> zu den Heiligen <gesagt>, die auf der Erde sind, und zu den Herrlichen: An ihnen ist all mein Gefallen.
Und doch!
Gottes Volk braucht ein neues Erwachen! Es ist eine erschütternde Tatsache, dass es, trotz des gewaltigen Redens Gottes im Weltgeschehen der letzten Jahrzehnte, zu keiner wirklich großen, weiter ausgedehnten, allgemeinen Erweckung gekommen ist. In keinem einzigen europäischen Lande!
Gewiss, in nicht wenigen Städten und Bezirken hat der Geist Gottes örtliche Bewegungen wirken können. Die breite Öffentlichkeit wurde machtvoll mit dem Evangelium angesprochen. Gläubige wurden neu belebt, Fernstehende gewonnen, und jubelnde Heils- und Dankeslieder ertönten in Kirchen und Zelten, in Gemeindesälen und Wohnhäusern. Für all diese Gnadenwirkungen in Stadt und Land kann der Herr nicht hoch genug gepriesen werden.
Und doch stellen wir fest: So viel irdischer Sinn unter den Gläubigen, so viel Weltliebe und Sorgengeist, so viel kleingeistige Ichbezogenheit, so viel Drehkrankheit um den eigenen Kreis, so viel Verkrampftheit und Verliebtheit in Alten, oft biblisch nicht einmal zu beweisende, schon längst leblos erstarrte Formen, so viel Überbetonung von Zweitrangigem, so viel Nichtbeachtung der eigentlichen Werte!
Wir müssen uns da allen Ernstes fragen: Sind denn unsere Ohren s o taub geworden, dass wir Gottes Reden nicht einmal unter dem Donner der Schlachtfelder, dem Brausen der Bomber, dem Krachen der Mauern, dem Splittern der Wohnhäuser, dem Sterben von Millionen — von Männern und Frauen, von Alten und Jungen — zu vernehmen imstande sind?
Zweifellos, hier hat die Sünde gehandelt! Nicht Gott, sondern die dämonisierten Kräfte der von Ihm losgelösten Weltreiche (Ps 2, 1-3[3]) haben dies alles verschuldet. Aber in diesem Gebrause der Katastrophen — sie geheimnisvoll überwaltend und letzten Endes machtvoll regierend (vgl. Jer 51, 20[4]; Jes. 45, 1-7[5]) — hat Gott gesprochen:
Ps 46,9: Kommt, schaut die Großtaten des HERRN, der Verheerungen angerichtet hat auf der Erde!
Wie aber soll denn Gott noch eindringlicher reden? Großmächte sind zerschlagen, Städte in Ruinenfelder verwandelt, Jahrhunderte alte, unersetzbare Kulturwerte vernichtet, Menschenleben millionenfach in den Tod gegeben. So erschütternd hat sich die Gottesferne der Sünder — unter dem Gerichtswalten des Höchsten — zu ihrem eigenen Unheil ausgewirkt!
Wie hätte doch da, mitten im satanisch aufgewühlten Geschichtsgetriebe, Gottes Volk Gottes Stimme erkennen müssen! Wie hätte es zu einem kraftvollen Zeugnis, zu missionarischem Schwung, zu Einsatzbereitschaft und Opfersinn, zu Heiligung und Bruderliebe, zu einem wirklichen Leben für die Ewigkeit kommen müssen!
Und doch ist – auf das Ganze gesehen – nur so wenig hiervon eingetreten!
Wie aber können wir erwarten, dass Fernstehende erwachen, wenn wir selbst nicht erweckt sind? Wie soll Feuer entstehen, wenn wir selbst nicht brennen? Wie soll Leben gezeugt werden, wenn wir selbst nicht wahrhaft lebendig sind?
Das darf nicht so bleiben! Gottes Volk muss erwachen! Du musst erwachen! Ich! Wir müssen uns von neuem mit den Lebenskräften von oben bekleiden lassen. Der lebendige Christus heute muss uns neu vor die Seele treten und uns ergreifen.
Aus aller falschen Ruhe müssen wir heraus und in ein heiliges Tun hinein! Wir müssen es neu lernen, unser Christenleben als Lauf aufzufassen, als ein Laufen in den Schranken (1. Kor 9, 24[6]), als ein Jagen in der Rennbahn des Glaubens (vgl. Phil 3,14[7]; Hebr 12,14[8]). Ich laufe nun also (1. Kor 9,26[9]). Ich nehme keine Rücksicht auf mein Leben, als teuer für mich selbst, auf dass ich vollende meinen Lauf (Apg 20, 24), als der ich nicht vergeblich gelaufen bin (Phil 2, 16). Ich habe den Lauf vollendet (2. Tim 4, 7).
Der Preis winkt (1. Kor. 9, 24 Luth.).
Phil 3,14: Ich jage <das> Ziel anschauend, hin zu dem Kampfpreis der Berufung Gottes nach oben in Christus Jesus.
Phil 3,15: So viele nun vollkommen sind, lasst uns so gesinnt sein; und wenn ihr etwas anders gesinnt seid, <so> wird euch Gott auch dies offenbaren.
1. Kor 9,24: Wisst ihr nicht, dass die, die in der Rennbahn laufen, zwar alle laufen, aber einer den Preis empfängt? Lauft <nun> so, dass ihr <ihn> erlangt.
Dabei aber hat nur der den Sieg, der auf Christus schaut! Denn auch Christus war Kämpfer. Er war Bahnbrecher und Sieger. Darum ist Er auch Vorbild und Kraftquelle, Belohner und Kampfrichter.
Was wir brauchen, ist ein erneutes Schauen der Person des Erlösers, ein Blicken auf das Kreuz und praktische Kreuzesnachfolge, ein dankbares Erkennen der uns überströmend beschenkenden Gnade, ein Erfasstsein und Durchpulstwerden von den Kräften Seines Geistes, ein Jagen in Seiner Kraft nach dem Ziel unserer Berufung.
Dies bedeutet zugleich im Einzelnen: Bewährung in Schwierigkeiten und Leid, Ausschaltung alles Sorgengeistes, Überwindung aller Ermüdungserscheinungen, Zeugnisbereitschaft und Missionsgeist, Bruderliebe und Heiligung, Gebetsleben und Hören auf Gottes Wort und, durch dies Ganze, zielbewusstes Hineilen zu Himmel und Herrlichkeit.
Das ist die Zielsetzung der hier vorliegenden Schrift. In besonderer Weise ist es die Botschaft des zwölften Kapitels des Hebräerbriefes. Damit aber wird jene Gottesbotschaft von damals zu einem Mahn- und Warnruf an uns heute, zu einem Weckruf aus alter Zeit an das Volk Gottes der Gegenwart.
Zugleich sehe ich in diesem Buch ein persönliches Bekenntnis. Es bringt nicht — wie die bisherigen Bücher Der Triumph des Gekreuzigten, Das Morgenrot der Welterlösung, Vom Adel des Menschen, Der göttliche Erlösungsplan — die mehr allgemeinen Entwicklungslinien der großen Gesamt- Heilsgeschichtsführung, sondern zeugt vornehmlich vom Inneren des persönlichen Einzel-Heilserlebens. Denn Gottes Taten sind nicht nur um uns und über uns, sondern wollen zugleich in uns sein. Die allgemeine Heilsgeschichte muss für jeden einzelnen in seiner persönlichen Erfahrung in Christus ihren lebendigen Mittelpunkt haben.
Hierbei aber sind es gerade die Wahrheiten, die wir im Folgenden versucht haben zum Ausdruck zu bringen, die uns in dieser Hinsicht ganz besonders bewegen. In ihnen sehe ich das Eigentliche und Entscheidende in jeglichem und darum auch dem ganz eigenen und innersten Herzens Verhältnis zum Herrn: das persönliche Erleben des gekreuzigten und auferstandenen Christus, der Glaube an das gegenwärtige, volle Heil, das Erkennen der himmlischen Stellung der Erlösten, die dankbare Freude über den in Christus durch den Heiligen Geist empfangenen Segensreichtum.
Bei dem allen aber zugleich: aufrichtige Anerkenntnis unserer leider gar noch so sehr großen Unfertigkeit, ernsteste Verpflichtung zum Jagen nach praktischer Heiligung, opferbereiter Einsatz zu lebendigem, missionarischem Zeugnis, kraftvolle Bewährung in allen Belastungen der Gegenwart, Lebensumgang mit dem Herrn durch Gebet und durch Sein Wort, Hingabe und Weihe, Glaubensfrische und Vorwärtsstreben, Verantwortungsbewusstsein und heiliger Ernst, freudiges Erwarten Seiner glorreichen Wiederkunft.
Und dies alles durch Ihn Selbst, der der Quell alles Heils ist. Aus Mir wird deine Frucht gefunden (Hos. 14, 8). Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit (Hebr. 13, 8). Was uns allein hilft, ist die Wirklichkeit Gottes in der Wirklichkeit des Menschen, der Glauben an Seine Erlebbarkeit, das Rechnen mit Seiner Gegenwart. Er ist nahe! (Phil. 4, 5[10]) Er ist da! Er ist hier, wo auch ich bin! Seine Gegenwart ist mein Heil! Er ist auch in meiner eigenen, persönlichen Erfahrung der in jedem Augenblick und in jeder Lage mit Freuden zum Eingreifen bereite Helfer, der gegenwärtige, lebendige Christus heute und hier. Jesus errettet mich jetzt.
Vor jedes Kapitel des Folgenden ist der dazugehörige Bibeltext von Hebräer 12 gesetzt, um Schriftwort und Betrachtung möglichst eng miteinander zu verbinden und das Lesen und Verstehen des Ganzen zu beschleunigen und zu erleichtern.
Möge der Herr das Zeugnis dieses Büchleins segnen! Möge Er uns alle immer mehr in das tatsächliche Erleben Seiner Segnungen hineinführen! Er verheißt sie allen denen, die in heiligem Ergriffensein sich nach dem Ziel ausstrecken, die ihre Blicke zu Ihm emporrichten, die da tun, was Er befiehlt:
In der Kampfbahn des Glaubens:
Lasset uns aufsehen auf Jesus!
Bibelschule Wiedenest, im Februar 1952 Erich Sauer
[1] Eph 1,3: Gepriesen <sei> der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen <Örtern> in Christus,
[2] Kol 1,14: indem wir die Erlösung haben, die Vergebung der Sünden;
[3] Ps 2,1-3: Warum toben die Nationen und sinnen Eitles die Völkerschaften? Die Könige der Erde treten auf, und die Fürsten beraten miteinander gegen den HERRN und gegen seinen Gesalbten: „Lasst uns zerreißen ihre Fesseln und von uns werfen ihre Seile!“
[4] Jer 51,20: Du bist mir ein Hammer, eine Kriegswaffe; und mit dir zerschmettere ich Nationen, und mit dir zerstöre ich Königreiche;
[5] Jes 45,1-7: So spricht der HERR zu seinem Gesalbten, zu Kores, den ich bei seiner rechten <Hand> ergriffen habe, um Nationen vor ihm niederzuwerfen, und damit ich die Lenden der Könige entgürte, um Pforten vor ihm zu öffnen, und damit Tore nicht verschlossen bleiben. Ich werde vor dir herziehen und werde das Höckerige eben machen; eherne Pforten werde ich zerbrechen und eiserne Riegel zerschlagen; und ich werde dir verborgene Schätze und versteckte Reichtümer geben, damit du weißt, dass ich der HERR bin, der dich bei deinem Namen gerufen hat, der Gott Israels. Um Jakobs, meines Knechtes, und Israels, meines Auserwählten, willen rief ich dich bei deinem Namen. Ich gab dir einen Beinamen, und du kanntest mich nicht. Ich bin der HERR, und sonst ist keiner, außer mir ist kein Gott; ich gürtete dich, und du kanntest mich nicht: – damit man vom Aufgang der Sonne und von ihrem Niedergang her weiß, dass außer mir gar keiner ist. Ich bin der HERR, und sonst ist keiner! Der ich das Licht bilde und die Finsternis schaffe, den Frieden mache und das Unglück schaffe – ich, der HERR, bin es, der dies alles wirkt.
[6] 1. Kor 9,24: Wisst ihr nicht, dass die, die in der Rennbahn laufen, zwar alle laufen, aber einer den Preis empfängt? Lauft <nun> so, dass ihr <ihn> erlangt.
[7] Phil 3,14: jage ich, <das> Ziel anschauend, hin zu dem Kampfpreis der Berufung Gottes nach oben in Christus Jesus.
[8] Hebr 12,14: Jagt <dem> Frieden nach mit allen und der Heiligkeit, ohne die niemand den Herrn schauen wird;
[9] 1. Kor 9,26: Ich laufe daher so, nicht wie aufs Ungewisse; ich kämpfe so, nicht wie einer, der <die> Luft schlägt;
[10] Phil 4,5: Lasst eure Milde kundwerden allen Menschen; der Herr ist nahe.