1.1. Inhalt

Thema: Die Niederlagen und Siege zur Zeit der Richter

Nach dem Tod Josuas blieb das Volk Israel ungefähr 300 Jahre ohne eine einheitliche Führerschaft. In Krisenzeiten berief Gott Richter, um ihnen Recht zu sprechen und um sie von ihren Feinden zu erretten.
Es mussten von dem verheißenen Land noch große Gebiete eingenommen und viele Kämpfe geführt werden. Immer wieder, wenn die Israeliten in Sünde verfielen, gab sie Gott ihren Feinden preis. Es wird über sieben Besetzungen des Landes durch die Feinde berichtet, von sieben Befreiungskriegen, von mehreren Friedenszeiten und von drei Bürgerkriegen.

1.2. Abfassung

Der Verfasser dieses Buches wird uns nicht genannt. Die jüdische Überlieferung gibt Samuel, den Propheten und letzten Richter in Israel, als Verfasser an.

Aus dem mehrfach wiederholten Satz: In jenen Tagen war kein König in Israel; jeder tat, was recht war in seinen Augen. kann geschlossen werden, dass Israel zur Zeit der Abfassung bereits unter Königsherrschaft stand.

Ri 17,6: In jenen Tagen war kein König in Israel; jeder tat, was recht war in seinen Augen.

Ri 18,1: In jenen Tagen war kein König in Israel. Und in jenen Tagen suchte sich der Stamm der Daniter ein Erbteil zum Wohnen, denn bis auf jenen Tag war ihm inmitten der Stämme Israels nichts als Erbteil zugefallen.

Ri 19,1: Und es geschah in jenen Tagen, als kein König in Israel war, dass sich ein levitischer Mann an der äußersten Seite des Gebirges Ephraim aufhielt; und er nahm sich eine Frau, eine Nebenfrau, aus Bethlehem-Juda.

Ri 21,25: In jenen Tagen war kein König in Israel; jeder tat, was recht war in seinen Augen.


1.3. Zeitabschnitt

Das Buch Richter ist eine direkte Fortsetzung des Buches Josua. Es beginnt mit dem Tod Josuas und endet mit dem benjaminitischen Bürgerkrieg. Die Zeitspanne umfasst ca. 300 Jahre (1375-1075 v.Chr.). Wahrscheinlich amtierten einige Richter gleichzeitig in unterschiedlichen Gebieten, denn die genannten Zeitspannen der Unterdrückungs- und Befreiungsperioden ergeben zusammen 410 Jahre.
In der Zeit der Richter war jeder Stamm Israels selbstständig. Es gab keine einheitliche Führung. Das Volk hatte zwar das Gesetz, das sie miteinander verband, doch immer wieder fielen sie in die heidnischen Gewohnheiten zurück. In diesen Zeiten erweckte Gott Richter, um sein Volk zu erretten. Im Gegensatz zur Zeit Josuas ist die Zeit der Richter gekennzeichnet von Niederlagen und geistlichem Verfall.

1.4. Zweck

Der Zweck des Buches Richter besteht nicht in erster Linie darin, eine lückenlose Geschichte über die Ereignisse dieser Zeit wiederzugeben. Es soll vielmehr aufgezeigt werden, in welche Nöte diejenigen geraten können, die sich von Gott abwenden, und wie groß Gottes Barmherzigkeit an denen ist, die Buße tun und zu ihm rufen. Auf sieben Phasen des Abfalls folgten sieben Phasen der Wiederherstellung.
Ohne Gott ist der Mensch hilflos und wird immer wieder versagen. Er benötigt einen Retter, der ihn aus seiner Not und seinem Verlorensein heraushilft.

1.5. Einteilung

Die Situation in Israel während der Richterzeit (Ri 1-2)

  1. Die Eroberungskämpfe einiger Stämme Israels (Ri 1)
  2. Der Engel des Herrn tadelt Israel (Ri 2,1-5)
  3. Israels Untreue während der Richterzeit (Ri 2,6-23)

Die sieben Phasen des Abfalls (Ri 3-16)

  1. Phase: Unterdrückung durch Mesopotamien (Ri 3,1-11)
  2. Phase: Unterdrückung durch die Ammoniter, Amalekiter und Philister (Ri 3,12-31)
  3. Phase: Unterdrückung durch die Kanaaniter (Ri 4-5)
  4. Phase: Unterdrückung durch die Midianiter (Ri 6,1-8,32)
  5. Phase: Herrschaft des Abimelech, Tola und Jair (Ri 8,33-10,5)
  6. Phase: Unterdrückung durch die Philister und Ammoniter (Ri 10,6-12,15)
  7. Phase: Unterdrückung durch die Philister (Ri 13-16)

Die Auswüchse des Abfalls (Ri 17-21)

  1. Götzendienst und Eroberungszug der Daniter (Ri 17-18)
  2. Schandtat und Bürgerkrieg (Ri 19-21)

1.6. Die sieben Phasen des Abfalls

Phase

Kapitel

Unterdrücker

Richter, Befreier

Dauer der Unterdrückung

Dauer der Ruhezeit

Zeitabschnitt

1. Phase 3,1-11 Mesopotamien Otniel 8 Jahre 40 Jahre ab 1382
  17-18 Götzendienst und Eroberungszug der Daniter  1370
  19-21 Schandtat und Bürgerkrieg mit dem Stamm Benjamin 1365
  Rut 4 Möglicher Zeitpunkt der Heirat Ruts 1340
2. Phase 3,12-31

Ammoniter,

Amalekiter,

Philister

Ehud,

Samgar

18 Jahre 80 Jahre ab 1334
3. Phase 4-5 Kanaaniter Debora 20 Jahre 40 Jahre ab 1235
4. Phase 6,1-8,32 Midianiter Gideon 7 Jahre 40 Jahre ab 1176
5. Phase 8,33 -10,5 Bürgerkriege

Abimelech (König)

Tola

Jair

3 Jahre

22 Jahre

23 Jahre

ab 1129
6. Phase 10,6 -12,15

Philister

Ammoniter

Jeftah

Ibzan

Elon

Abdon

18 Jahre

6 Jahre

7 Jahre

10 Jahre

8 Jahre

ab 1103
7. Phase 13-16 Philister Simson 40 Jahre 20 Jahre ab 1095

 

1.7. Die Feinde Israels

Das Volk Israel war zur Zeit der Richter von zahlreichen Feinden bedroht:

  • Mit den Einwohnern des Landes Kanaan, die ihre Selbstständigkeit behaupten wollten, gab es manche Kämpfe zu führen.
  • Im Osten erhoben moabitische und amoritische Königreiche Anspruch auf das Ostjordanland.
  • Im Süden drohten die Amalekiter, Edomiter und Midianiter. Ihre Streifzüge hatten den Charakter von räuberischen Beduinenhorden.
  • Im Westen lebten die Philister, die später - zur Zeit von Saul und David - zum Hauptfeind Israels wurden.
  • Im Norden wurde das Volk Israel vom König von Hazor und von den Mesopotamiern bedrängt.

1.8. Besonderheiten

  • Die Richter waren Israels Führer in der Zeit zwischen Josua und Saul. In Friedenszeiten sorgten sie für die Rechtsprechung im Volk. In Kriegszeiten waren sie zugleich die militärischen Führer Israels, die sie aus der Fremdherrschaft befreiten. Darum wurden sie auch Retter genannt (Richter 3,9). Einige Richter wurden besonders von Gott berufen und durch den Geist Gottes zum Dienst befähigt.

Und die Kinder Israel schrien zu dem HERRN; und der HERR erweckte den Kindern Israel einen Retter, der sie rettete: Othniel, den Sohn des Kenas, den jüngeren Bruder Kalebs. Und der Geist des HERRN kam über ihn, und er richtete Israel; und er zog aus zum Kampf, und der HERR gab Kuschan-Rischataim, den König von Aram, in seine Hand, und seine Hand wurde stark gegen Kuschan-Rischataim. (Ri 3,9.10)

  • Die Berichte über Gideon und Simson nehmen fast die Hälfte des Buches ein. Über die Richter Samgar, Tola, Jair, Ibzan, Elon und Abdon berichten nur 14 Verse.
  • Die Kapitel 17 - 21 bilden einen Nachtrag. Zeitlich könnten sie wohl zwischen Kapitel 2 und 3 eingeordnet werden.
  • Es ist ein gewisser Kreislauf von Ereignissen zu erkennen, der sich in den verschiedenen Phasen des Abfalls mehrere Male wiederholt. Wenn die Israeliten sündigten , wurden sie gezüchtigt, sie taten daraufhin Buße, und Gott sandte ihnen einen Retter.
Ri 3,7 Und die Söhne Israel taten, was böse war in den Augen des HERRN, und vergaßen den HERRN, ihren Gott, und sie dienten den Baalim und den Ascherim. Sünde
Ri 3,8 Da entbrannte der Zorn des HERRN gegen Israel, und er verkaufte sie in die Hand Kuschan-Rischatajim, des Königs von Mesopotamien; und die Söhne Israel dienten dem Kuschan-Rischatajim acht Jahre. Züchtigung
Ri 3,9 Und die Söhne Israel schrien zu dem HERRN um Hilfe. Da ließ der HERR den Söhnen Israel einen Retter erstehen, der rettete sie: Otniel, den Sohn des Kenas, den Bruder Kalebs, der jünger war als er. Buße
Ri 3,9  Und die Söhne Israel schrien zu dem HERRN um Hilfe. Da ließ der HERR den Söhnen Israel einen Retter erstehen, der rettete sie: Otniel, den Sohn des Kenas, den Bruder Kalebs, der jünger war als er. Errettung
  • Das Buch Richter steht im Gegensatz zum Buch Josua:

Josua

Richter

ein gehorsames Volk  ein ungehorsames Volk
viele Siege viele Niederlagen
göttliches Gericht über die Völker göttliches Gericht über Israel
Das Geheimnis der Siege ist Glaube Die Ursache der Niederlagen ist die Sünde
  • Das Buch zeigt die beständige Neigung des menschlichen Herzens, sich von Gott abzuwenden, selbst dann, wenn großartige Erfahrungen mit Gott vorausgegangen sind.
  • Nicht alle Jahre der Richterzeit waren von furchtbarer Sünde gekennzeichnet. Es wird auch von Siegen und großen Taten Gottes berichtet (z. B. bei Gideon). Ein Geschehen aus dieser Zeit, das besonders hervorgehoben wird, finden wir im Buch Rut.