Einführung in das Buch Prediger

Zusammenfassung

Am Ende seines Lebens wandte sich Salomo von dem allein wahren Gott ab (1. Kön 11,1-8) und suchte Befriedigung und Sinnerfüllung in allen möglichen und unmöglichen Dingen des Lebens. Durch Gottes Gnade und Zucht durfte er aber am Ende seines Lebens offensichtlich noch einmal eine Umkehr erleben (vgl. 2. Sam 7,14-15).
Das Buch des Predigers ist ein Rechenschaftsbericht, den Salomo geschrieben hatte, um das Volk vor der Sinnlosigkeit eines Lebens ohne Gott zu warnen (Pred 12,9). Der reiche König hatte alles ausprobiert, was ihm hätte Erfüllung bringen sollen. Doch ohne Gott war alles hohl und leer (Pred 1,2). Ohne Gott sind alle irdischen Genüsse und Bemühungen letztlich sinnlos. Niemand soll seine schmerzhaften Irrwege nochmals gehen. Wir sollen aus Salomos Erfahrungen lernen. Das Endziel des Predigers besteht darin, uns tiefe Gottesfurcht und Gehorsam der Heiligen Schrift gegenüber zu lehren (Pred 12,13-14). Wer Gott fürchtet und seinem Wort gehorcht, kann voll Dankbarkeit seinem Schöpfer gegenüber die guten, aber vergänglichen Gaben, mit wahrer Freude massvoll geniessen. Mit dem Buch Prediger bezeugt uns Gott: Er versteht das Denken und Sinnen des von Gott entfremdeten Menschen.

Autor

Der Prediger stammt aus der Feder des unübertroffen weisen Königs Salomo (Pred 1,1.12.16; BT Megillah 7a / Schabbath 30). (Sohn Davids (Pred 1,1; 2Sam 12,24); König in Jerusalem (Pred 1,1; 1Kön 11,42); König über Israel (Pred 1,12; 1Kön 1,34); weiser als alle, die vor ihm über Jerusalem herrschten (Pred 1,16; 1Kön 3,12); grosser Bauherr (Pred 2,4-6; 1Kön 9,15); viele Frauen (Pred 2,8; 1Kön 11,3); Sprüchedichter (Pred 12,9; 1Kön 4,32; Spr 1,1))
 
Von bibelkritischer Seite wurde dies bestritten indem u.a. behauptet wurde, dass das Hebräische im Buch Prediger mehr dem Mischna-Hebräischen des Talmuds (200 n. Chr.) gleiche als dem biblischen Hebräisch. Das Buch stamme demzufolge aus sehr später Zeit. Dieses Argument wurde widerlegt, indem aufgezeigt werden konnte, dass die sprachlichen Besonderheiten des Predigers als Dialekt mit phönizisch-kanaanäischem Einschlag erklärt werden sollte. Das Hebräische des Predigers ist absolut einzigartig und ohne Parallele in der gesamten Hebräischen Literatur (genauso wie die literarische Gattung des Predigers einzigartig ist). Bei der Sprache des Predigers handelt es sich nicht um ein Mischna-Hebräisch, auch nicht um ein spätes Bibelhebräisch (wie Chronika, Haggai, Sacharja und Maleachi). Salomo pflegte übrigens einen intensiven Kontakt mit Phönizien (1Kö 5,1ff; 9,11). (ARCHER: Einleitung, Bd. II, SS. 410ff.)
 
In Qumran wurden 2 Prediger-Handschriften gefunden: 4QQoha (175-150 v. Chr.; aus Kap. 5 / 6 / 7) und 4QQohb (50 v. Chr.; aus Kap. 1). Damit ist die liberal-theologische Ansetzung der Entstehungszeit des Predigers auf 170-160 v. Chr. vom Tisch gewischt worden. (Diese Fehldatierung erfolgte durch R.H. Pfeiffer [1892-1958], aufgrund sprachlicher und inhaltlicher Kriterien.) Salomo regierte von 971-931 v. Chr. Das Buch Prediger entstand am Ende dieser Zeit.

Besonderheiten im Buch Prediger

  • „Prediger“ (qoheleth von qahal [Versammlung] = einer, der eine Versammlung einberuft und zu ihr spricht: 7x (Pred 1,1.2.12; 7,27; 12,8.9.10); qoheleth ist ein Partizip femininum ⇒ Beamtentitel; im AT nur hier verwendet

Sinnlosigkeit

  • „Eitelkeit“ (hevel = Hauch, Nichtigkeit): 38x; dasselbe Wort wie „Abel“ (1Mo 4,2)
  • „Eitelkeit der Eitelkeiten“ (havel havalim; Superlativ): 3x; totale Sinnlosigkeit
  • „ein Haschen nach Wind“: 9x
  • Mühe“: 21x; „sich mühen / abmühen“: 9x
  • Vorteil / Gewinn“: 10x (nur hier im AT)

Das Weltbild des Predigers

  • unter der Sonne“: 29x
  • unter dem Himmel“: 3x
  • auf der Erde“ (6x) / „auf die Erde“ (2x): 8x (hebr. ’al ha’aretz

Gott im Buch Prediger

  • Gott (’elohim): 40x (Gott, der Schöpfer und Erhalter des Weltalls; vgl. 1. Mo 1)
  • Jahwe (jhvh): 0x (Gott in Gemeinschaft mit dem Menschen; vgl. 1. Mo 2; der Bundesgott; vgl. 2Mo 6,2ff)
  • 2. Chr 18,31: Gott (’elohim); HERR (jhvh)
  • Sprüche (Buch der Weisheit für solche, die in Beziehung zu Gott leben): 87x Jahwe; 5x ’elohim; 1x ’eloah

Freude im Buch Prediger

  • Freude (simchah): 7x: Pred 2,1.10.26; 5,20; 7,4; 8,15; 9,7
  • freuen (samach): 9x: Pred 2,10; 3,12.22; 4,16; 5,18; 8,15; 10,19; 11,8.9; s. ferner Synonyme wie „guter Dinge sein“ in Pred 5,14 etc.
  • In der Synagoge gelesen am Laubhüttenfest, dem Fest der Freude (vgl. 3. Mo 23,40; 5. Mo 16,14.15)
  • Freude im Endergebnis der Hauptteile: I (Pred 2,10); II (Pred 2,26); III (Pred 3,22); IV (5,20); V (Pred 5,14: „sei guter Dinge“); VI (Pred 8,15); VII (Pred 9,7); VIII (11,8); der letzte Hauptteil (IX) beginnt mit Freude (Pred 11,9)

Kreisläufe in der Einleitung

  • Kreislauf der Generationen (Pred 1,4) und der Geschehnisse in der Geschichte (Pred 1,9-10)
  • Kreislauf des Tages (Pred 1,5)
  • Kreislauf des Windes (Pred 1,6)
  • Kreislauf des Wassers (Pred 1,7)
  • Vgl. w. „das Rad der Schöpfung“ (trochos tes geneseos; Jak 3,6; freiere Übersetzung: „Lauf der Natur“; „Lauf des Daseins“ etc.)
  • Vgl. die Räder des Thronwagens in Hesekiel 1,15-21; s. auch 1. Chr 28,18

Der alte Mensch auf dem Weg zum Grab

Pred 12,2: Verfinsterung des himmlischen Lichts = Abnahme der Aufnahmefähigkeit des Wortes Gottes; Pred 12,3a: Die Hüter des Hauses zittern = die Hände zittern; Pred 12,3b: die starken Männer krümmen sich = die Beine werden krumm; Pred 12,3c: die Müllerinnen feiern = das reduzierte Gebiss versagt den Dienst; Pred 12,3d: die Fenster verdunkeln sich = Abnahme der Sehfähigkeit; Pred 12,4a: sich schliessende Türe und dumpfes Geräusch der Mühle = Abnahme der Hörfähigkeit; Pred 12,4b: Ehrfurcht vor den Vögeln und gedämpfte Töchter des Gesangs = Abnahme der Stimmbänderfunktionen; Pred 12,5a: Angst vor der Höhe und den Gefahren auf dem Weg = Abnahme der Unternehmungsfreude; Pred 12,5b: der Mandelbaum steht in Blüte = die Haare sind weiss; Pred 12,5c: die Heuschrecke schleppt sich dahin = der alte Mensch geht Mühsam am Stock; Pred 12,5d: die Kaper ist wirkungslos = die Essfreude ist vergangen; Pred 12,6: silberne Schnur = Wirbelsäule; goldene Schale = Schädel; Eimer am Quell = Blutgefässe; Schöpfwelle an der Zisterne = Herz 

Aufbau des Buches

Der Autor: 1,1
Die These des Buches: 1,2-3
Einleitung: Das Rad der Schöpfung: 1,4-11
  1. Studieren und Probieren (1,12 – 2,11)
  2. Weisheit und Torheit (2,12-26)
  3. Zeit und Ewigkeit (3,1-22)
  4. Recht und Unrecht (4,1 – 5,20)
  5. Anfang und Ende (6,1 – 7,14)
  6. Gerechte und Gesetzlose (7,15 – 8,15)
  7. Göttliche Regierung und menschliche Verantwortung (8,16 – 9,10)
  8. Vermögen und Unvermögen (9,11 – 11,8)
  9. Jugend und Alter (11,8 – 12,14)

Bibliographie (in Auswahl)

  • ABEGG, M. / FLINT, P. / ULRICH, E.: The Dead Sea Scrolls Bible, The oldest known Bible translated for the first time into English, San Francisco 1999.
  • AEBI, E.: Kurze Einführung in die Bibel, Winterthur / Wuppertal, 4. Aufl. 1973.
  • ARCHER, G.L.: Einleitung in das Alte Testament, Bad Liebenzell, Bd. I: 1987, Bd. II: 1989.
  • ARCHER, G.L.: Encyclopedia of Bible Difficulties, Grand Rapids, Michigan 1982.
  • ELLISEN, A.E.: Von Adam bis Maleachi, Das Alte Testament verstehen, Dillenburg 1984.
  • PETERS, B.: Das Buch Prediger, Dillenburg 2000.
  • REMMERS, A.: Das Alte Testament im Überblick, Hückeswagen 1988.
  • WALVOORD, J.F. / ZUCK, R.B.: Das Alte Testament erklärt und ausgelegt, Holzgerlingen 1990. Roger Liebi, 6.11.03
 

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